Das Interview haben wir mit Gary "Angry" Anderson von ROSE TATTOO am 06. August 2026 gemacht. Wenige Tage später wurden leider aus gesundheitlichen Gründen die verbleibenden Termine der Europa-Tour abgesagt.

Da die TATTS ihre Live-Karriere beenden: Wie fühlt es sich an, für diesen „Last Ride“ auf die Bühne zu gehen?

Ja, was mich betrifft ist es ist es wohl die letzte Tournee. Es ist zumindest die letzte Tour hier in Europa. Aber es gibt diesen schönen Spruch: Sag niemals nie. Ich meine, ich weiß nicht, welche Umstände uns womöglich zurückbringen könnten, aber es könnte passieren. Doch ich glaube es nicht. Ich meine, es sind 50 Jahre. Ich bin fast 80 Jahre alt. Ich glaube, die Sterne stehen günstig. Ich glaube, es ist für uns einfach jetzt an der Zeit.

Du hast erwähnt, dass das Touren zwar endet, die Musik aber nicht unbedingt vorbei ist. Welche Pläne habt Ihr, in Zukunft neues Material zu schreiben oder zu veröffentlichen?

Ja, das habe ich schon ein paar Mal im Zusammenhang mit der Tatsache gesagt, dass wir – während wir die Songs für dieses Album schrieben (das vielleicht zu Weihnachten oder im Januar erscheinen wird) – feststellten, dass wir viel zu viele Songs hatten.

Also habe ich dann versucht, sie auf zwei verschiedene Alben aufzuteilen: das Album, das wir bald veröffentlichen, und eine weitere Aufnahme, die – sagen wir – Ende nächsten Jahres oder vielleicht Mitte nächsten Jahres erscheinen soll. Wir werden sehen.

Wenn man auf die letzten 50 Jahre zurückblickt: Was ist deiner Meinung nach das bleibende Vermächtnis von ROSE TATTOO für die Welt des Hard Rock oder Blues Rock?

Ich denke, es ist die Tatsache, dass wir – trotz zahlreicher Veränderungen im Laufe der Zeit und verschiedener Besetzungen – tatsächlich 50 Jahre überdauert haben.

Ich finde, das ist doch eine großartige Leistung für jede Band. Es zeugt von Beständigkeit und bedeutet – nun ja – dass die Leute es nach wie vor hören wollen. Dass Musik, die vor 50 Jahren geschrieben wurde, jedes Jahr live auf der Bühne gespielt wird ... Das bedeutet, dass wir – wie es jede Band anstrebt – einen echten Beitrag im Musikgenre geleistet haben.

Als Ihr damals in den legendären Alberts Studios aufgenommen habt: Was hat das Produzententeam Vanda & Young zu eurem rohen Sound beigetragen?

Sie erkannten das Potenzial war in uns steckte, als sie uns live erlebten. Und als wir ins Studio gingen, sagten sie uns, dass sie buchstäblich ein Teil der Band werden und mit ihrer gesamten Erfahrung, ihren Ansichten und ihrem Fachwissen uns unterstützen würden.

Sie spielten dabei quasi eine „instrumentale“ Rolle – ein Wortspiel, das hier durchaus angebracht ist. Sie trugen auf sehr konstruktive Weise maßgeblich dazu bei, das zu formen, was wir heute als unseren Sound bezeichen.

Doch noch wichtiger war: Sie brachten uns bei, wie man Songs aufbaut und komponiert.

Euer Songwriting folgt einer klaren Linie. Beginnt Ihr normalerweise mit dem Text und der Kernbotschaft, oder kommt das Slide-Gitarrenriff zuerst?

Es ist wohl von beidem etwas.

Manchmal bringe ich Songtexte, bereits ausgearbeitete Ideen oder vielleicht sogar einen fertigen Song mit zur Probe. Ich versuche dann zu erklären, welche Art von Melodie mir vorschwebt oder was meiner Meinung nach dazu passen würde; dann können wir uns entweder zusammensetzen, oder die Gitarristen machen sich selbst an die Arbeit und versuchen, auf der Grundlage meiner Ideen etwas zu entwickeln.

Ich nehme zum Beispiel Melodien und Texte auf einem Diktiergerät auf, oder sie liefern mir Melodien – oft ganz schlicht, nur mit einer Gitarre zu Hause eingespielt.

Manchmal ist auch die ganze Band dabei: Ich lasse mich von der Melodie inspirieren, gehe dann weg und schreibe einen Text dazu.

In den späten 80er Jahren hast Du mit dem Solo-Hit „Suddenly“ riesige Pop-Erfolge gefeiert. Wie reagierten die eingefleischten Pub-Rock-Fans auf diesen musikalischen Wandel?

Ich glaube, die meisten Leute haben es verstanden – und wenn ich „die meisten“ sage, meine ich 99 %, denn es gab nur wenige, die sagten: „Wir verstehen das nicht“ ...

Nun ja, okay, das ist schön und gut, aber dann muss ich einfach sagen, dass Ihr eben nicht richtig zuhört.

Aber jeder Mensch hat viele Facetten, und künstlerisch gesehen braucht man die Freiheit, seinen Inspirationen nachzugehen und etwas zu erschaffen. Dieses Lied war etwas ganz Besonderes, denn es handelte von der Geburt meiner Tochter – meines ersten Kindes – und der Text entstand aufgrund dieses Erlebnisses, für sie und über sie.

Als es dann an die Aufnahme des Albums ging, war es eigentlich als Soloprojekt geplant. Doch leider entschied sich die Plattenfirma dazu, es als Rose Tattoo-Album zu veröffentlichen. Wie dem auch sei, all das steht in der Biografie.

Aber ja, so war es eben ... es wird aber noch mehr Material dieser Art geben.

Du hast jahrelang im TV gearbeitet und Dich auf gesellschaftliche Themen konzentriert. Hat Deine mediale und politische Tätigkeit Deine Sichtweise verändert, als Du zum Rock ’n’ Roll zurückgekehrt bist?

Ja, das hat es. Ich kann nicht sagen – es wäre sogar töricht zu behaupten – dass es keinen Einfluss darauf hatte, was ich heute schreibe oder was ich früher geschrieben habe.

Aber das bewirkt die Zeit ohnehin; wenn man sich unsere Alben ansieht – wir haben nicht wie viele andere Bands alle zwei oder drei Jahre ein Album veröffentlicht – dann sind sie doch sehr unterschiedlich.

Aber es gibt einen roten Faden.

Rose Tattoo hatte schon immer ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein. ROSE TATTOO hat schon immer Songs über Menschen geschrieben – über ihr echtes Leben und ihre wirklichen Kämpfe.

Über ihre echten Freuden und ihren echten Schmerz. Dieses neue Album ist also genau so, auch wenn es musikalisch ganz anders ist. Und wir freuen uns alle sehr darauf.