Das Interview führten wir einige Stunden vor der Show im STADIONPARK NÜRNBERG am 10. Juli 2026.
Ein Blick auf die musikalische Evolution von Marillion.
In diesem Interview spricht Steve Hogarth nicht nur über die bevorstehende Show, sondern auch über die bemerkenswerte musikalische Evolution von Marillion im Laufe der Jahre. Die Band hat sich stets weiterentwickelt, indem sie verschiedene Stile und Einflüsse integriert hat, während sie gleichzeitig ihren einzigartigen Sound bewahrt hat. Hogarth reflektiert, wie sich die Themen ihrer Songs verändert haben, um aktuelle gesellschaftliche und persönliche Herausforderungen widerzuspiegeln, und betont die Bedeutung von Experimentierfreude in ihrer Musik. Diese ständige Suche nach Innovation hat es Marillion ermöglicht, sowohl alte Fans zu halten als auch neue Generationen zu begeistern.
Hallo Steve. Vielen Dank, dass Du Dir für uns die Zeit nimmst. Deine Lieder handeln oft von tiefen persönlichen und sozialen Problemen, wie z.B. die Reflexion auf die Krankheit im Song "Care". Wie kanalisierst du solche schweren Real-Welt-Emotionen in deinem Songwriting, ohne überwältigt zu werden?
Naja, ich versuche es in irgendeiner Weise umzusetzen. Ich denke, das ist etwas, wo ich in all den Jahren langsam reingerutscht bin. Stimmt das, was ich sage? (er überlegt). Ja, ich denke schon. Im Laufe der Zeit wurde bei mir das Schreiben immer persönlicher und bekennender. Und manchmal habe ich Dinge geschrieben, wo ich mir fast Sorgen gemacht habe, ob das für die Leute nicht schlicht und ergreifend zu viel ist, um sowas zu hören!
Aber, weißt du, man darf sich als Künstler nicht wirklich über so etwas Gedanken machen. Wenn ich z. B. ein Maler wäre, dann male ich ein Bild, hänge es an die Wand und fertig. Was ich mit meinem Bild ausdrücken möchte und wie es jemand anderes interpretiert ist nicht der Punkt. Der Punkt für mich ist, ob das, was ich im Rahmen meiner Möglichkeiten vermitteln kann auch WAHR ist. Wenn es persönlich ist, dann ist es wahr, denn Du drückst dann das aus was Du fühlst. Das war mein Dilemma, als ich den Song „GAZA“ geschrieben habe. Ich erkannte, dass dieser Song vielmehr in der Außenwelt enden wird, als nur in meinem Kopf. Ich wollte sichergehen, dass der Inhalt korrekt ist und verbrachte daher viel Zeit damit mich mit NGO´s zu unterhalten, aber auch mit Leuten im Gaza-Streifen, die sich sprichwörtlich ganz unten am Boden befanden. Man weiß dann nämlich, wie es riecht, wie es sich anhört, wie ist die Ernährungssituation, die medizinische Versorgung, die Treibstoffversorgung. Kann man sich fortbewegen usw. Ich habe mir damals eine Liste mit ca. 10 bis 15 Fragen zusammengestellt. Ich sprach dann mit Palästinensern, aber auch mit Juden. Ich stellte Fragen wie „Hasst Ihr die Palästinenser?“ bzw. „Hasst Ihr die Juden?“. Die Antworten der Palästinenser waren ausnahmslos „Nein, sie sind eine meiner besten Freunde“. Im Gegenzug antworteten die Juden so gut wie einstimmig „Die Palästinenser hassen uns“. Ich fand keine einzige jüdische Person, die sagte „Nein, die Palästinenser sind meine Freunde“. Da dachte ich mir was geht denn hier ab?
Aber ich habe damals auch eine Menge Probleme bekommen, da ich für mich sicherstellen wollte, dass wenn ich zu diesem Thema meinen Mund aufmache und die Gesamtsituation in diesem Song kommentiere, ich auch dazu stehen kann.
Bei diesem Song hatte ich tatsächlich größte Kopfschmerzen, da mir absolut bewusst war, welcher Mist hier aufgewühlt wird. Ich bekam damals unzählige emails von sehr zornigen jüdischen Personen, die weit entfernt vom eigentlichen Geschehen im Gaza-Streifen wohnten und lebten. Das waren keine emails von israelischen Juden, sondern alles von Juden aus den USA, Frankreich usw.
Es kam wie gesagt sehr viel böses Feedback, aber jeder hat das Recht seine Meinung zu äußern. Anders sieht es aus, wenn man versucht zu provozieren
Es gibt viele Dinge, die ich in den letzten Jahren in meinen Liedern gesagt habe, die sehr sehr persönlich waren, sodass sie sogar Probleme in meinen eigenen Beziehungen verursacht haben. Meine Frau wusste natürlich ganz genau, woher bestimmte Song-Themen herrührten. Das war auch ein großes Dilemma, was ich wirklich zugeben muss. Es ist ein Unterschied, ob man sich selbst bloßstellt, oder eine andere Person gegen ihren Willen bzw. ohne ihre Zustimmung damit hineinzieht. Was ich aber gemacht habe.
Du bist nun schon seit fast vier Jahrzehnten die Stimme von Marillion. Wie hat sich Dein Ansatz beim Singen des klassischen Katalogs im Laufe der Jahre verändert?
Das kann ich gar nicht sagen, denn mein Ansatz basiert auf dem, wie ich mich in diesem Moment fühle.
Ich habe sehr viele Coversongs in der Vergangenheit gesungen – speziell bei meinen Solo-Shows. Das waren beispielsweise Covers von Leonard Cohen, Kate Bush, Al Stewart aber auch Kraftwerk. Ich habe in all den Jahren viele Künstler gecovert. Mein Anspruch bei Coversongs ist der, dass ich mich so gut wie möglich in diese Songs hineinversetzen kann auch hinsichtlich was sie mir persönlich bedeuten. FISH hat etliche Lyrics geschrieben die für mich belanglos sind, da ich keinen Zugang dazu habe. Deshalb singe ich sie auch nicht. Einige Sachen, die er geschrieben hat, sind sehr wütend und unangenehm intensiv. Das kann ich alles nicht nachempfinden und singen, denn das bin nicht ich.
Ich kann WARM WE CIRCLES singen, denn ich habe einen Zugang zu all diesen Bildern. Dazu gehört auch GARDEN PARTY, denn ich denke, dass ist ein großartiger Text. Solange ich etwas fühlen kann, dann kann ich es auch performen. Ich mache mir keine großen Gedanken wie FISH es damals umgesetzt hat. Und ich meine das wirklich mit Respekt. Es ist für mich schlicht und ergreifend nicht relevant.
Wie ist Deine Beziehung zu FISH. Kennt Ihr Euch gut oder ist er einfach nur der „ehemalige Sänger“ von MARILLION?
Das vergleiche ich oft mit einem Paar, welches geschieden ist. Irgendwann tritt ein neuer Partner ins Leben und dieser wird gefragt, wie es der Ex-Frau des Partners geht. In gewisser Art und Weise ist FISH die Ex-Frau und ich kenne ihn kaum. Wir sangen einmal vor ein paar Jahren zusammen bei einem Wohltätigkeits-Event in Genf. Er war ausgesprochen nett zu mir. Er hat sich immer viel Mühe gegeben und war wirklich sehr nett zu mir.
Vor vielen Jahren gab er ein Interview für RADIO ONE und ging dabei durch seine Plattensammlung. Dabei hatte er auch mein Album EUROPEANS in seiner Sammlung und meinte, dass ist ein wirklich gutes Album. Dass war bevor er sich überhaupt vorstellen konnte, dass ich ihn mal ersetzen werden. Auch ich wusste zu diesem Zeitpunkt ja auch noch gar nichts. Also, er war wie gesagt immer nett zu mir. Er hat mir vielleicht ein paar Seitenhiebe ausgeteilt, aber das habe ich nicht mitbekommen.
Da Marillion ausgiebig von Großbritannien nach Amerika usw. getourt sind: Wie reagieren Publikum und Fans in verschiedenen Teilen der Welt auf eure Musik?
Es ist erstaunlicherweise überall gleich - selbst in den nicht englischsprachigen Ländern. Wir hatten Auftritte in Mexico, wo jeder spanisch sprach, oder wir spielten in Brasilien, wo jeder portugiesisch sprach. Es ist ein bisschen seltsam, dass die Musik die Leute auf einem hohen Niveau bewegt.
Es ist eigenartig, in welchem Ausmaß Musik Menschen auf einer tieferen Ebene berührt. Entweder sie hören die Musik von MARILLION und denken sich „das ist nichts für mich, ich verstehe es nicht“. Oder aber es ist für sie ALLES und es wird zu einer Art Leidenschaft. In den meisten Fällen wird diese Musik zu einem Leitrahmen in ihrem Leben. Es wird wichtig für sie. Es ist nicht nur Unterhaltung. Ich kann mich an die 70er Jahre erinnern, ich war 17 Jahre alt, und hörte Musik von Bands, die mich jetzt schon lange nicht mehr interessieren. Als ich jung war, war Musik wichtig. Die Musik, die ich hörte, war wirklich wichtig. Wenn LED ZEPPELIN ein neues Album herausbrachte, dann war das wichtig. Und ich denke, dass unsere Musik wichtig für die Leute ist, die sie sich anhören. Sie ist wichtig, weil sie wahr und echt ist.
Unsere Musik kommt vielleicht aus einem Ort innerer Ehrlichkeit. Wenn wir zusammen die Musik schreiben, sitzen wir nicht herum und fragen uns „Was würden die Leute hören wollen? Welche Art von Musik verkauft sich am besten usw.“. Es gibt keinerlei solche Gedanken.
Es geht einfach nur darum, das Feuer im Raum neu zu entzünden. Wir fragen uns dabei immer „ist es gut, ist interessant, ist er anders?“. Wir schreiben die Songs meistens, wenn wir jammen. So jammen wir oft monatelang und nehmen alles auf. Das ist ein sehr frustrierender Prozess. Aber wir – oder unser Produzent Mike – hören uns das alles im Nachhinein erneut an. Dabei graben wir dann sehr interessante Dinge aus. Wenn sich aber Sachen anhören, wie etwas was schon da war, dann schmeißen wir es weg. Wir wollen uns viel lieber immer wieder verändern. Es gibt Bands, die machen das gleiche Album immer und immer wieder. Das wäre nicht unser Ding.
Wenn Du auf die Anfänge und das frühe Songwriting zurückblickst, wie hat sich Deine Herangehensweise an das Geschichtenerzählen und Deine lyrische Entwicklung seit Deinem Beitritt zu Marillion im Jahr 1989 verändert?
Ich denke ich schreibe jetzt besser. Weil wenn ich meine früheren Sachen anhöre, kann ich immer wieder Stellen entdecken, die nicht so rund waren. Aber nicht unbedingt alles. Auf den Song WORKING TOWN auf den Alben DRY LAND und HOW WE LIVE wäre ich stolz, wenn ich ihn jetzt geschrieben hätte. Ich bin auch ziemlich stolz auf den Song GAMES IN GERMANY, wenn ich ihn heute geschrieben hätte. Evtl. hätte ich ihn noch etwas abgeändert.
Zu Deiner Frage: ich wurde im Laufe der Zeit besser. Vielleicht auch vorsichtiger in Bezug auf die Wahl der Worte, in der Gestaltung von Strophen und Rhythmen und auch im Nachdenken. Als ich jung war, habe ich irgendetwas hingeschrieben und gemeint „das ist doch klasse“ ohne mir nochmals große Gedanken gemacht zu haben. Heutzutage „erlebe“ ich meine Worte anders und versuche sie zu verbessern.
Die Musik von MARILLION widersetzt sich oft herkömmlichen Songstrukturen. Bestimmen die Melodien und Emotionen den Text, oder ist es bei euch umgekehrt?
Es ist wohl eher umgekehrt. Wenn wir jammen habe ich meistens Worte in der einen oder anderen Art und Form. Manchmal nur ein paar – ab und zu mal ein paar Zeilen. Wenn ich ganz viele Worte habe, dann ist es wie KRIEG UND FRIEDEN. Dann brauche ich sehr viel Musik. Das ist z. B. passiert bei GAZA, THE INVISIBLE MAN und THIS STRANGE ENGINE. Dann habe ich so viel zu sagen, dass wir genug Musik schreiben müssen, um es umzusetzen. Es sind also die Worte, die die Länge der Songs diktieren. Wir schreiben keine langen Lieder, obwohl wir meinen es zu müssen, denn was wir machen, ist doch PROGRESSIVE (lacht). Aber wir achten da nicht drauf. Wenn es Sinn macht, kurze Lieder zu schreiben, dann sind sie auch kurz.
Wir haben z. B. einen Song auf dem neuen Album mit dem Titel "AN AMBITIOUS MAN IN THE THIRD WORLD“. Über ihn hatte ich im Song wirklich sehr viel zu sagen, so ist es wieder mal ein längerer Track geworden.
Du bist bekannt für Deine unglaubliche, fast schon theatralische Bühnenpräsenz. Wie schaffst Du es, die emotionale Intensität aufrechtzuerhalten, wenn Du die Lieder singst, die Du im Laufe der Jahre schon Hunderte Male aufgeführt hast?
Es ist ganz einfach. Ich versuche mir vorzustellen, was ich gefühlt habe als ich den Song geschrieben habe. Das ist für mich nicht schwierig. Dabei bemerke ich meine theatralischen oder dramatischen Elemente auf der Bühne gar nicht. Sie kommen einfach und sind da. Die Leute fragen mich oft, ob ich Schauspiel gelernt habe. Ich sehe mich nicht als Schauspieler. Ich lebe eher das aus was ich sagen möchte. Wenn ich ein Skript vorgelegt bekommen würde und müsste einen anderen Charakter spielen, dann könnte ich das nicht.
Für mich ist das „Lebendigmachen“ eines Songs auf der Bühne der Zweck des Singens. Mit TREVOR HORN habe ich den Song „SLAVE TO THE RYTHM“ gesungen. Ein unglaublicher Song, in den ich mich erst hineinversetzen musste, um ihn zu performen. Als mir das am Ende gelungen ist, konnte ich ihn auch singen.
Marillion hat eine der loyalsten und engagiertesten Fangemeinden der Musikindustrie aufgebaut (z. B. Marillion Weekends und Crowdfunding). Wie beeinflusst diese enge Beziehung und das direkte Feedback der Fans eure Musikproduktion und eure Arbeitsweise als Band?
Na ja, es beeinflusst uns nur auf die Art und Weise, dass es uns die Freiheit gibt, genau das zu tun, was wir wollen. Wenn man bei einem Major Laber unterzeichnet, dann ist diese „Freiheit“ kompromittiert durch die Vorgaben des Labels.
Wir waren die ersten die die Idee des Crowdfunding gehabt hatten, dass also Fans ein Album kaufen, was es noch gar nicht gibt. Und wenn Fans uns derart vertrauen, dann benötigen wir auch keinen nächsten Record-Deal. Die Fans geben uns die Freiheit das zu tun, was wir wollen. Die einzige Bedingung damals an unsere Fans war: Bitte versucht uns nicht reinzureden, denn das hätte nicht funktioniert. Wir Fünf in der Band sind uns aber auch bewusst, was dieser hohe Grad an Vertrauen den uns die Fans schenken, auch bedeutet. Das hat in gewisser Weise auch ein wenig mein Songwriting beeinflusst.
Dieser Glaube der Fans an uns ist wie eine warme Decke und ich bzw. wir wissen welches Privileg diese Art von Vertrauen ist. Das spornt uns aber auch an wieder ein Album zu kreieren was eben nicht mit Filler Tracks bestückt wird. So etwas würde uns aber eh nicht in den Sinn kommen.
Was ist in einer sich ständig wandelnden und bisweilen gnadenlosen Musikbranche das Geheimnis für MARILLIONS Langlebigkeit und Eure Fähigkeit, künstlerische Grenzen immer wieder zu erweitern?
Aufgrund unserer Fans sind wir außerhalb jeglicher Grenzen einer Musikindustrie. Niemand beeinflusst uns und wir können tun und lassen, was wir wollen. Die Freiheit, die wir mit diesem Konzept erhalten, ist das Geheimnis unserer Langlebigkeit. Aber auch das wir FÜNF uns hervorragend verstehen und uns als Einheit sehen.
Verspürst du jemals einen gewissen Druck, die Band neu zu erfinden, oder ist diese kreative Spannung einfach ein natürlicher Teil des Daseins als Marillion-Mitglied
Ich wollte die Band seit meinem Eintritt immer neu erfinden (lacht). Mit jedem Album könnte ich den Namen der Band ändern, aber das wäre kommerzieller Selbstmord. Aber die Band JAPAN vermisse ich wirklich, denn sie haben sich wieder zusammengetan und nennen sich nun RAINTREE CROW. Das waren zwar die gleichen Bandmitglieder, die sich aber einfach einen anderen Namen gegeben haben.
Mit welchem Bandmitglied kannst Du am besten Pferde stehlen?
Es hat sich über die Jahre verändert. Am Anfang war es tatsächlich MARK KELLY, denn wir waren irgendwie wie Zwillinge. Im Moment ist es Schlagzeuger IAN MOSLEY. Mit ihm bin ich im Moment am engsten zusammen.
Man muss immer eines wissen: Wir in der Band sind alle ein bisschen exzentrisch. Aber woran man sich immer erinnern muss, wenn man in einer Band ist, dass jeder in der Band einen Grund hat das zu tun, was er macht. Sie haben einen Grund, warum sie eine Gitarre spielen wollen, oder Drums oder Keyboards. Jeder verfolgt dabei seinen Traum und den muss man einfach respektieren.